Ohne Antworten

Welch anregende Fragen im aktuellen Zeitmagazin ! Sie sind Teil eines Berichts über eine Filmproduktion von Andreas Lindstroem, die Einblicke zeigt in das Lebensgefühl der U30-Jährigen. Nicht mehr Teil dieser Generation, macht es mich trotzdem neugierig und regt zum Nachdenken an. Nicht zuletzt wegen der essenziellen Fragen. Vermutlich unterscheiden sich die Antworten zwischen den Generationen, die Bedeutung der Fragen nicht. Vielleicht sind es auch Fragen, die immer wieder gestellt und beantwortet werden müssen, für die es nicht eine, sondern viele Antworten gibt. Vielleicht sind es Fragen, in deren Antworten, wie Rilke sagen würde, man hineinleben muss…

Was ist von Dauer?

Was trägt uns?

Wonach suchen ?

Woran glauben?

Was ist real?

Was zählt?

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Habt ein schönes Wochenende, mit genügend  Zeit für Fragen, Antworten und das Hineinleben…

 

 

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Sonntagsgedanken

„Es war still im Optiker bis auf einen Satz. Es war ein Satz, der sich in seinem Inneren ausbreitet wie vergossene Farbe, ein Satz, der mit so viel Kraft  so viel Kraftlosigkeit verbreitete, dass dem Optiker war, als schwänden all seine Muskeln im Leib, als würden sämtliche Haare auf dem Kopf, die noch nicht grau waren, dies jetzt unverzüglich nachholen, als müssten die Blätter an den Bäumen, die um Selma und ihn herumstanden, unverzüglich welken und die Bäume selbst einknicken vor lauter Müdigkeit wegen des Satzes, der sich im Optiker ausbreitete, als müssten die Vögel aus dem Himmel fallen, weil der Satz eine plötzliche Flügellähmung auslöste, als müssten den Kühen auf der Weide die Beine schwach werden und als würde der Hund, der neben Selma stand und ein Hund war, was sollte er denn auch sonst sein, einfach durch die drei Worte im Optiker unverzüglich eingeschläfert werden, alles welkt, dachte der Optiker, alles verschrumpelt und fällt um und herunter und knickt ein…“

(aus: Marianna Leky. Was man von hier aus sehen kann)

Vor diesen Sätzen graut uns. Vor den dunklen, angstbesetzten Sätzen, die immer wieder in uns auftauchen und uns manchmal an Dinge erinnern, die wir lieber vergessen würden. Sätze wie erschaffen von Erfahrungen, die so schmerzlich waren, dass wir sie am liebsten aus unserer Erinnerung streichen würden. Sätze, die in uns laut werden, wenn es um uns leise wird. Weiterlesen „Sonntagsgedanken“

Weniger Filter, mehr Realität

Zufällig erfuhr ich von #morerealityoninstagram und war erfreut! Die Desillusionierung folgte auf dem Fuße, als ich die Sammlung angeklickt habe, dennoch scheint mir der Gedanke dahinter enorm wichtig.  Bilder in den Medien, im Besonderen in soziale Netzwerken, liefern Wirklichkeitskonstruktionen auf Hochglanz. Selbstdarstellungen fotomanipuliert und glattgebügelt, altersoptimiert und aufgeräumt. Dem Schönheitsideal entsprechend sehen wir Bilder von lachenden, erfolgreichen Menschen, von stylischen Häusern und Wohnräumen, weißen Stränden und grandiosen Menus. Am größten ist die Wirkung dieser optimierten Selbstdarstellungen bei Jugendlichen, die ihren Platz in der Gesellschaft finden und ihre Identität noch bilden müssen. Weiterlesen „Weniger Filter, mehr Realität“

Geschaffene Einsamkeit

Es sind die Gegensätze im Leben, die entscheidend sind. Wie viel lese ich über den Wunsch nach Alleinsein, Rückzug. Für mich und mein Leben ein wichtiges Thema. Ich mag mich immer wieder damit auseinandersetzen, weil ich oft das Gefühl habe, dass es zu fordernd ist, das Leben um mich. Bei genauerem Hinsehen wird aber schnell klar: Leben ereignet sich nicht einfach ohne unser Zutun. Wir sind Gestalter und geben die Richtung vor. Warum habe ich einen Beruf, der mit so vielen Menschen zu tun hat? Warum genieße ich es, Feste mit vielen Freunden zu feiern? Warum gehe ich auf Skihütten mit vielen Jugendlichen und Erwachsenen? Warum pflege ich die Kommunikation auf sozialen Netzwerken? Weiterlesen „Geschaffene Einsamkeit“

Mark des Lebens

„Ich zog in den Wald, weil ich den Wunsch hatte, mit Überlegungen zu leben, dem eigentlichen, wirklichen Leben näher zu treten, zu sehen, ob ich nicht lernen konnte, was es zu lehren hätte, damit ich nicht, wenn es zum Sterben ginge, einsehen müsste, dass ich nicht gelebt hatte. Ich wollte nicht das Leben, was nicht Leben war; das Leben ist so kostbar. Auch wollte ich keine Entsagung üben, außer es war unumgänglich notwendig. Ich wollte tief leben, alles Mark des Lebens aussaugen, so hart und spartanisch leben, dass alles, was nicht Leben war, in die Flucht geschlagen wurde…“

Die Zeilen kennen wir aus dem Club der toten Dichter. Ich weiß noch, wie mich dieses Zitat faszinierte, als ich den Film zum ersten Mal sah, vor unzähligen Jahren. Und jetzt lese ich Thoreau wieder und die Worte haben nichts an ihrer Wirkung verloren. Ja, möchte man schreien, genau so! Wie er es vor fast 200 Jahren geschrieben hatte. Die Sehnsucht nach diesem Lebensgefühl ist so laut, wie damals, die Gedanken so nah am Herzen, wie eh und je.

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Er zog in den Wald, um das Leben zu finden, was für eine verrückte Vorstellung aus heutiger Sicht. Ich stelle mir vor wie es wäre, ohne alle Annehmlichkeiten des modernen Lebens, ohne den kleinen Luxus um uns, das schöne Essen, das heiße Bad… Keine Technik, keine Ablenkung. Nur eine Waldhütte, selbst gebaut, die Gedanken und etwas um sie aufzuschreiben. Wäre es dort, dieses Mark des Lebens, oder ist es für uns modernen Zivilisationsbürger wo ganz anders? Aber wo?

„Wir müssen lernen, wieder wach zu werden und uns wach zu erhalten, nicht durch mechanische Hilfsmittel, sondern durch das unendliche Erwarten des Sonnenaufgangs…“

Mitte des 19 Jahrhundert beklagt er schon, dass das Leben zu schnell ist. Was würde er sagen, wenn er unser heutiges Leben sähe… Fasziniert bin ich immer wieder, welche tiefen, vielleicht zutiefst menschlichen Sehnsüchte die Zeit überdauern. Ich kann ihn lesen und weiß genau, was er meint. Ich kann ihn als Jugendliche lesen, oder als erwachsene Frau. Es ist ein inneres Anrühren, ein Verlangsamen, ein Nachdenken, ein Warten. Auf den Morgen, den Sonnenaufgang. Oder gemäß Thoreau:

„…der Morgen ist da, wenn ich einen Sonnenaufgang in mir spüre.“

Zitate aus: Henry David Thoreau. Walden oder Leben in den Wäldern

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Am Ende des Jahres

… kommt man nicht umhin, sich Gedanken zu machen, über das, was war und das, was sein wird. Welche Zeit eignet sich besser dazu, als die zwischen den Jahren? Für mich schon immer eine besondere Zeit, eine Zwischenzeit. Ruhiger, dunkler, nachdenklicher. Mit dem Wissen um unsere Vergänglichkeit konnte ich mich noch nie anfreunden und Rückblicke führen sie mir sehr deutlich vor Augen. Sie zwingen mich dazu, mich mit ihr auseinanderzusetzen. Mit guten und weniger guten Zeiten. Mit wertvollen und weniger wertvollen Augenblicken, mit (vergänglicher) Lebenszeit, die manchmal so tief und manchmal so oberflächlich erlebt wird.

„Das spezifische Gewicht der Zeit lastet auf dir wie ein alter ambivalenter Traum. Unablässig bist du in Bewegung, um der Zeit zu entrinnen. Doch auch wenn du bis an den Rand der Welt läufst, wirst du ihr nicht entkommen. Und dennoch kannst du nicht anders, als bis an den Rand der Welt zu gehen.“

aus: Haruki Murakami. Kafka am Strand

An den Rand der Welt gehen, immer weiter, mit Mut voran. Das ist etwas anderes als davonzulaufen, als zu “entrinnen”. Das anzunehmen, was kommt, wünsche ich mir für das neue Jahr. Mutig und achtsam zu sein, begleitet von Lebendigkeit und Neugier. Mit mehr Zeit an manchen Stellen, mit Verantwortung und Freiheit und einem  sicheren Gespür für das Eine und das Andere. Schenken wir dem alten Jahr noch ein paar gelebte Tage und freuen uns auf das neue…