Überall Leben

Wenn morgens der kühle Nebel in den Ästen der alten Obstbäume hängt und die sachten Sonnenstrahlen einen schönen Frühlingstag verheißen, dann denke ich an Leichtigkeit und Sommer. An Erdbeeren. An die bevorstehenden langen Abende auf der Terrasse. An kühlen Vinho verde. An Barfußlaufen und Sonne auf der Haut. Dann scheint es mir, als würde jede Blüte vom bevorstehenden Sommer erzählen.

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Wenn die Sonne den Nebel vertrieben hat und die Bäume zu leuchten beginnen, die Wiesen blühen, die sich erwärmende Welt duftet, dann ist es, als weiten sich die Sinne. Dann muss ich einen Moment innehalten im täglichen Tun.  Und sehen und staunen.

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Hinter jeder Blume verbirgt sich ein kleines Wunder. Überall Leben. Buntes, neues, einfaches Leben. Im Betrachten holt mich die Natur in den Augenblick zurück und mir gelingt mir für einen Moment Achtsamkeit.

Rilke würde sagen:

Wenn Sie sich an die Natur halten, an das Einfache in ihr, an das Kleine, das kaum einer sieht, und das so unversehens zum Großen und Unermesslichen werden kann; wenn Sie diese Liebe haben zu dem Geringen und ganz schlich als ein Dienender das Vertrauen dessen zu gewinnen suchen, was arm scheint: dann wird ihnen alles leichter, einheitlicher und irgendwie versöhnender werden, nicht im Verstande vielleicht, der staunend zurück bleibt, aber in ihrem innersten Bewusstsein, Wach-sein und Wissen…

aus: Rainer Maria Rilke. Briefe an einen jungen Dichter.

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Amsterdam

Eine Stadt, die viel zu erzählen hat.

Mit Kinderaugen durch die Gassen schlendernd, ziellos, orientierungslos, höre ich ihren Klang, rieche ihren Duft und lese Geschichten aus ihren alten Häuserfasaden.

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Ich sehe Menschen, die mit Körben auf ihre Fahrräder steigen, stehe auf unzähligen Brücken und beobachte die Grachten, die Wolkenspiegelungen im Wasser, die Farbveränderung, die Wellenmuster.

Vielleicht hat jede Stadt ihr eigenes Lebensgefühl.

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Amsterdam ist für mich melancholisch, in vielfältigen Brauntönen, nicht unbeschwert und hell wie der Süden. Und dennoch ganz eigen, charmant. Der regenschwere Himmel reißt unvermittelt auf und es scheint die Sonne. Ein bisschen launenhaft ist die Stadt und ihr Wetter. Und während ich noch überlege, ob ich mich darüber ärgern soll, dass das Wetter immer wieder  zu überhasteten Reaktionen führt, lese ich „Rainbow is my favorite color”. Und plötzlich ist mir klar: kein Regenbogen ohne Sonne und Regen. Keine Freude an der Wärme ohne die Kälte, kein Genuß an Blau ohne Rot und Gelb. Wer möchte eine einzelne Farbe, wenn er den Regenbogen sehen kann?

Das alles erzählt Amsterdam dem, der zuhören kann, dem, der sich Zeit dafür nimmt. Ja, Rainbow is my favorite color…

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Sich erden…

Eine Denkerin bin ich und war es schon immer. Was manchmal dazu führt, dass ich zu viel denke und zu wenig lebe. Sich mit Gedanken zu beschäftigen erfüllt mich meistens, sofern die Gedanken nicht zu kreisen beginnen, sich selbstständig machen. Dann habe ich sie nicht mehr im Griff und sie beginnen mich immer mehr wegzuführen von dem Eigentlichen. Nur, was ist das Eigentliche?

Beim Gang durchs Leben, von der hoffnungsvollen Ignoranz der Jugend zum ernüchterten Erwachsenendasein, steht man früher oder später vor der sich immer zuspitzenden Frage: Ist das alles?

aus: Mihaly Csiksentmihalyi. Flow. Das Geheimnis des Glücks.

Und dann stehe ich da mit meinen Gedanken und weiß nicht recht, was damit anfangen. Und verneige mich vor den Worten Dalai Lamas „Der Großteil des Leidens besteht darin, dass wir denken statt achtsam zu sein“.

Für mich bedeutet achtsam zu sein, sich zu erden, manchmal mit einem alten Kochbuch in der Hand. Wenn das einzig Wichtige in der nächsten Stunde darin besteht

Frühlingszwiebeln zu schneiden, mit Spinat, Knoblauch, Ei und Gewürzen (Salz, Pfeffer, Muskat) anbraten. Den Nudelteig in kleine Rechtecke schneiden und die Füllung portionsweise darauf verteilen. Die Ränder mit Eiweiß zu bestreichen, zu falten und in Salzwasser zu kochen. Anschließend mit etwas Fleischbrühe, Petersilie und Röstzwiebeln servieren.

Etwas zu tun und achtsam zu sein. Die ganz einfachen Dinge.

 

 

 

Weltenbummlerin

… wäre ich gerne. Stattdessen pendle ich täglich von A nach B mit Zwischenstation bei C und am Supermarkt. Schon immer fand ich es bewundernswert, wenn andere den Flughafen als Zuhause bezeichneten und so lässig mit Bordkarten jonglierten, wie ich mit den Rabattmarken des Drogeriemarkts. Wenn ich bei der Urlaubsplanung das Wort Flugzeug erwähne, leuchten bei meinem Gegenüber die Alarmglocken seines ökologischen Bewusstseins, unterstützt durch einen ernsten Blick bezüglich der Unbeschwertheit meinerseits. Schon der Name eines Flughafens löst bei mir Sehnsucht aus. Allen voran: Bandanaraike Airport. Wisst ihr, was ich meine? Es gibt Orte, wohin die Seele immer wieder zurückkehrt.

Wie ist das mit den großen Entscheidungen im Leben? Landen wir in dem Leben, das für uns vorgesehen ist? Oder ist Zufall, dass wir heute genau an diesem Ort leben; eine Abfolge verschiedener Ereignisse, die sich willkürlich aneinanderreihten?

Wenn ich wieder einmal am Kofferpacken bin, dann kommen mir diese Gedanken. Und mit dem Rollkoffer hinter mir, schlüpfe ich für einen Augenblick in die Rolle der Weltenbummlerin, die mir so reizvoll erscheint. Heute allerdings sieht nur mein Rollkoffer die weite Welt. Ich entferne die alten Kontroll-Etiketten und schiebe ihn mit seinen unvergleichlichen Rollgeräuschen zur Nachbarin. Musik in meinen Ohren, Sehnsucht im Herzen und mit Fernweh. Vielleicht ist Fernweh manchmal schmerzlicher als Heimweh.

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Stille Stunden

Wenn es still wird abends ist die Zeit, den gelebten Tag zu den anderen zu legen und achtsam wahrzunehmen, was von ihm bleibt. Ein zelebriertes Abschiednehmen im klaren Bewusstsein, dass unsere Tage begrenzt sind. Vielleicht sind sie gerade deshalb so kostbar.

Jeder Tag hat seine ganz eigene Symphonie aus Farben und Klängen. Vielleicht finden uns die Töne, die am besten zu uns passen. Es gibt die warmen, dunklen Töne mit ihren tiefen Klängen. Und die hellen, bunten und fröhlichen.  Und manchmal fängt ein Tag laut an und endet ganz leise, beginnt hell und endet in dunklem, warmen Kerzenlicht. So wie heute. Flüsternd mit wenig Worten und viel Gefühl, irgendwo inmitten der Nacht.

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Ganz einfach

Diese unermüdlich kreisenden Gedanken zeigen mir, dass es manchmal zu schnell ist, mein selbst gewähltes Leben. Dass es mich zu überrollen droht. Die kleinen Pausen, in denen der Geist entspannen kann werden immer weniger, weil das moderne Leben überall weiter geht. E-Mails werden im Wartezimmer per Smartphone beantwortet, die Wochenendplanung an der Supermarktkasse per Whatsapp und in den überfüllten Freistunden eines Schulalltags ballen sich Informationen zwischen Tür- und Angel, zwischen Arbeitszimmer und Kopierraum. Es ist, als wollten wir mit aller Macht Zeit sparen, alles noch fertig bekommen, um es abhaken zu können.

Doch wo ist diese gesparte Zeit?

Wann ist endlich alles fertig?

Wann kommt denn diese große Pause?

Das moderne Leben findet schneller neue Aufgaben als Pausen begonnen haben. Vielleicht hat sich genau das verändert in den letzten Jahren. Mit der alten Vorstellung aufgewachsen, erst die Arbeit, dann das Vergnügen, versuche ich mich immer noch daran, meine Aufgaben konsequent zu erledigen. Die Hoffnung irgendwann fertig zu sein, gebe ich allerdings immer mehr auf. Und vielleicht ist das genau der Punkt. Sich an den Gedanken zu gewöhnen, nicht fertig zu werden und damit das Leben  verlangsamen. Was nicht fertig wird kommt später. Eigentlich ganz einfach. Und doch so verdammt schwer.

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Mein Leben, eine Frucht

Der morgendliche Blick in den Spiegel. Sie betrachten, diese Frau, kritisch, ein bisschen länger als sonst, weil sich Veränderungen zeigen. Weil das Leben nicht spurlos vorbei geht und gelebtes Leben sichtbar wird.  Ihr Gesicht erzählt von Wegkreuzungen, Sackgassen und Kehrtwendungen. Von schönen und weniger schönen Erinnerungen. Ihre Augen scheinen zu fragen, ob sich das Leben noch spüren lässt, oder ob es abhanden gekommen ist, zwischen all den Alltagsbelastungen. Was ist übrig von der Jugendlichen mit ihren Träumen, von der 20 Jährigen mit ihren Zielen? Wie ist sie heute, diese Frau, die aus dem Spiegel schaut?

Sie lächelt.

Mein Leben: eine Frucht, von der ich einen Teil gegessen haben werde, ohne ihn auszukosten, ohne dessen gewahr zu sein, geistesabwesend. Ich bin nicht verantwortlich für dieses Alter, noch für dies Bild. Man erkennt es ja. Es sei das meine. Mir soll es recht sein. Ich kann nicht anders. Ich bin jene da, ein für alle Mal und für immer […] Ich kann mich nicht einmal in die eigenen Arme schließen. Ich bin vernietet an diese Gestalt, die ich nicht umfangen kann. Meinen Mund und den Klang meiner Stimme werde ich nie kennen. Und doch wäre mir recht, jene umarmen zu können, die ich bin und sie zu lieben..

aus: Marguerite Duras. Ein ruhiges Leben