Mein Leben, eine Frucht

Der morgendliche Blick in den Spiegel. Sie betrachten, diese Frau, kritisch, ein bisschen länger als sonst, weil sich Veränderungen zeigen. Weil das Leben nicht spurlos vorbei geht und gelebtes Leben sichtbar wird.  Ihr Gesicht erzählt von Wegkreuzungen, Sackgassen und Kehrtwendungen. Von schönen und weniger schönen Erinnerungen. Ihre Augen scheinen zu fragen, ob sich das Leben noch spüren lässt, oder ob es abhanden gekommen ist, zwischen all den Alltagsbelastungen. Was ist übrig von der Jugendlichen mit ihren Träumen, von der 20 Jährigen mit ihren Zielen? Wie ist sie heute, diese Frau, die aus dem Spiegel schaut?

Sie lächelt.

Mein Leben: eine Frucht, von der ich einen Teil gegessen haben werde, ohne ihn auszukosten, ohne dessen gewahr zu sein, geistesabwesend. Ich bin nicht verantwortlich für dieses Alter, noch für dies Bild. Man erkennt es ja. Es sei das meine. Mir soll es recht sein. Ich kann nicht anders. Ich bin jene da, ein für alle Mal und für immer […] Ich kann mich nicht einmal in die eigenen Arme schließen. Ich bin vernietet an diese Gestalt, die ich nicht umfangen kann. Meinen Mund und den Klang meiner Stimme werde ich nie kennen. Und doch wäre mir recht, jene umarmen zu können, die ich bin und sie zu lieben..

aus: Marguerite Duras. Ein ruhiges Leben

 

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6 Kommentare zu „Mein Leben, eine Frucht

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