Leichtigkeit des Seins

Sieben Jahre war er an Teresa gekettet gewesen, und ihre Augen hatten jeden seiner Schritte verfolgt. Es war, als hätte sie ihm schwere Eisenkugeln an die Fesseln gebunden. Jetzt war sein Schritt plötzlich viel leichter. Er schwebte beinahe. Er befand sich auf einmal im magischen Feld des Parmenides: er genoss die süße Leichtigkeit des Seins.

aus: Milan Kundera. Die unerträgliche Leichtigkeit des Seins

Ich habe es wieder gelesen. Vermutlich allein wegen des Titels, der mich schon immer neugierig machte. Als ich das Buch zum ersten Mal in den Händen hielt, war ich gerade 20. Einen Kundera lesen hatte ich mir vorgenommen. Und das tat ich dann in Etappen, weil mich das Buch verwirrt hat, weil ich vieles nicht verstand. Es hat mir meine romantische Vorstellung von Liebe ordentlich auf den Kopf gestellt.

Wie startet eine junge Frau in die Liebe? Neugierig und ängstlich. Mit der Hoffnung auf das große Los, auf die Erfüllung von Mädchenträumen. Und was las ich im Buch? Zumindest nicht das, was sich mit meinen Mädchenträumen deckte.

Aus irgendeinem Grund ist es mir jetzt wieder in die Hände gefallen und ich las es ein zweites Mal. Mit ganz anderer Lebenserfahrung, mehr als 20 Lebensjahre später. Noch immer ist mir manches suspekt. Ich habe noch nicht völlig Frieden geschlossen mit diesem Buch, aber viele Erzählungen sind mir näher als früher, viele Gedanken nachvollziehbarer, manches mit einem Lächeln lesbar. Vielleicht sollte man Bücher häufiger ein zweites Mal lesen, denn dabei erkennt man das gelebte Leben in sich. Es ist, als träfe die heutige Frau das Mädchen von damals. Manche Empörung ist einem Lächeln gewichen ist und manches Erstaunen dem Leben.

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6 Kommentare zu „Leichtigkeit des Seins

  1. Auch ich habe das Buch mit Anfang 20 gelesen, es hatte eine große Faszination auf mich. Ich hatte es auch schon öfter wieder in der Hand, aber nicht noch mal ganz gelesen. Als ich neulich im Studium über Bücher meines Lebens in verschiedenen Lebensabschnitten nachdenken sollte, ist mir auch aufgefallen, dass manche Bücher, die mir früher wichtig waren, heute vielleicht ganz banal oder sogar peinlich erscheinen, und andere würde ich eigentlich erst heute richtig verstehen.

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